Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Indien wählt das Wirtschaftswunder

Baku, den 16. Mai (AZERTAG). Indien hat sich entschieden: für einen nationalistischen Premier - und mehr Marktwirtschaft. Wahlsieger Modi ist politisch hoch umstritten, könnte das Land aber ökonomisch voranbringen. Im Wettlauf mit China ist das dringend nötig.

Blumengirlanden, Böller, Livemusik, kein Alkohol, dafür aber Gratis-Verköstigung für die Armen. In Indien feiern die Anhänger des Nationalisten Narendra Modi ausgelassen den überwältigenden Sieg der Koalition um seine Bharatiya Janata Partei (BJP). Auf allen TV-Kanälen laufen Bilder der Freudenfeste, bei denen die Parteifarbe Orange dominiert. Grund zum Jubeln gibt es reichlich. Die Hindu-Nationalisten und ihre Verbündeten könnten auf 272 der 543 Sitze im Parlament kommen.

Doch auf die Regierung, die voraussichtlich schon in den kommenden Tagen gebildet wird, warten gewaltige Aufgaben, die keinen Aufschub dulden. Indiens Wähler haben sich für Modi entschieden, weil er neue Jobs, eine bessere Infrastruktur, mehr Wohlstand und weniger Korruption und Bürokratie versprochen hat. Will er dies alles umsetzen, muss er rasch und hart durchgreifen.

Sinkende Industrieproduktion, steigende Inflation - Die indische Wirtschaft schwächelte zuletzt deutlich. Das Wachstum hat sich in den vergangenen zwei Jahren auf unter fünf Prozent halbiert. Die heimische Industrie - von den Rohstoffproduzenten bis zu den Endverarbeitern in der Textilbranche - wirft immer weniger Produkte auf den Markt. Der Ausstoß schrumpfte im März um 0,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bei Investitionsgütern ging die Produktion im März gar um 12,5 Prozent zurück. Als Grund nennen Analysten die schwache Nachfrage von Endverbrauchern und Investoren. Gleichzeitig kletterte die Inflation im April auf ein Dreimonatshoch von 8,6 Prozent.

Laut dem in Delhi angesiedelten Think Tank Centre for Monitoring Indian Economy (MIE) sank das Wachstum der Kapitalinvestitionen im vergangenen Jahr gar auf den schlechtesten Wert seit elf Jahren. Daran ist vor allem die notorisch ineffiziente indische Bürokratie schuld. Laut MIE sollen Projekte im Wert von 100 Milliarden US-Dollar auf Eis liegen, weil die nötigen Genehmigungen noch nicht erteilt worden seien.

Um zu verstehen, welche Bedrohung die Krise für Indiens Position in der Region darstellen könnte, muss man einen Blick zurück werfen: Bis 1991 ein massives Reformpaket geschnürt wurde, war Indien ein Bevölkerungsriese mit quasi sozialistischem Wirtschaftsleben und engen Beziehungen zur Sowjetunion. Dank der Reformen erlebte es dann in den neunziger Jahren einen Wirtschaftsboom, der ihm Anerkennung, Einfluss und bald einen Platz unter den G20-Staaten einbrachte.

Sehnsucht nach den goldenen Jahren - Doch seit den sogenannten goldenen Jahren 2003 bis 2004 und 2007 bis 2008, als Anleger auf der Flucht vor der Finanzkrise in den Industrieländern ihr Geld nach Indien brachten, ist das Wachstum stark zurückgegangen. Und mit dem Rückgang steht der gerade erst gewonnene internationale Einfluss Indiens plötzlich wieder in Frage. Wenn Indien vermeiden will, dass China sich endgültig als die einzige Wirtschaftsmacht und das Politschwergewicht in Asien etabliert, muss der Subkontinent schleunigst die Aufholjagd beginnen.

Viele Macher in Indien trauen Modi zu, Indien aus der Krise zu führen und seinen Platz unter den globalen Playern zu sichern: Darauf deuten die Märkte hin, die in den vergangenen Wochen und Monaten in Erwartung eines Machtwechsels in Neu-Delhi immer neue Rekordmarken brachen. Indiens Aktienindex Sensex legte, seit Modi vor acht Monaten zum Spitzenkandidaten der Bharatiya Janata Partei (BJP) gekürt wurde, um satte 19 Prozent zu. Auch die kürzlich noch arg gebeutelte Rupie gewann in den vergangenen Tagen.

Analysten sagen jedoch voraus, dass Modi mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen haben wird. So berichtete JPMorgan kürzlich, dass ein Großteil der derzeit gestoppten Investitionsprojekte auf Grund von Gesetzen in einzelnen Bundesstaaten auf Eis gelegt worden sei - an ihnen wird Modi kaum rütteln können.

Andere dringend notwendige Maßnahmen wären zumindest sehr unbeliebt. Wenn Modi es ernst meint mit seiner Ideologie der freien Märkte, müsste er nicht nur die Subventionen auf Kerosin und Diesel aufheben. Auch die gerade erst eingeführte Lebensmittelhilfe für die Armen müsste er kappen. Er hat bereits angekündigt, das nicht zu tun. Das wirft die Frage auf, wie ernst er seine Ankündigung meint, die weit verbreitete Versorgungsmentalität in Indien aufzubrechen.

„Wir könnten eine sehr effiziente Korruption erleben“ - Kritiker fürchten, dass die angekündigten Reformen des Arbeits-, Landkauf- und Steuerrechts zulasten der kleinen Leute gehen werden und die Schere zwischen Arm und Reich weiter aufreißen könnten. Im 13 Jahre von Modi regierten Bundesstaat Gujarat habe das Wirtschaftswachstum bereits zu Ungleichheit, Entrechtung der Arbeiter und Umweltkatastrophen geführt, warnte die in Neu-Delhi erscheinende „Economic & Political Weekly“.

Andere Analysten verweisen darauf, dass der Konjunkturzyklus seine Talsohle erreicht haben dürfte und die Wirtschaft auch ohne großes Zutun Modis wieder anziehen werde. „Modi hat so viel Glück und gutes Timing wie wohl kein Ministerpräsident Indiens vor ihm“, sagte Surjit Bhalla vom Oxus Research and Investments Institute in Neu-Delhi.

Zwar werde auch Modi die Korruption in Indien nicht gänzlich abschaffen können, dafür sei sie kulturell zu tief verankert, so Bhalla. „Aber wir könnten eine sehr effiziente Korruption erleben, und das wäre schon mal was.“ Laut Bhalla sind die Jahre, in denen sich Politiker und Funktionäre in Indien maßlos bereichern konnten, ohnehin vorbei. „Das war doch der Grund, warum die Leute die bisher regierende Kongress-Partei so hart abgestraft haben. Die BJP wird sich hüten, denselben Fehler zu machen.“

Ob die indische Wirtschaft sich nach Jahren der Krise aufrappeln kann, ist letztlich eine Frage der Psychologie. Entscheidend ist, ob der neue Regierungschef es schafft, bei Endverbrauchern und Investoren Vertrauen zu wecken und so Nachfrage zu generieren. Modi werde schnell liefern müssen, mahnen Experten. „Wenn die neue Regierung nicht schnell einen guten Eindruck macht, könnte der Optimismus der Investoren schnell in Desillusion umschlagen“, sagte Miguel Chanco, Indien-Analyst bei Capital Economics der Agentur Reuters.

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