Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Helenendorf-Museum in Aserbaidschan

Helenendorf-Museum in Aserbaidschan

Baku, 16. Juni, AZERTAC

Unter Berufung auf die „Stuttgarter Zeitung“ berichtet AZERTAC, dass im diesen deutschen Presseorgan ein Artikel unter dem Titel „Helenendorf-Museum in Aserbaidschan“ von Eva Brandstädter veröffentlicht ist. Im Artikel geht es um die Gründung eines Museums, das der Geschichte und Kultur ihrer Familien und Vorfahren gewidmet sein soll.

In der früheren deutschen Kolonie Helenendorf in Aserbaidschan, heute Göygöl, reifen die Pläne für ein Museum der schwäbischen Ursprünge. Unterstützung kommt aus Reutlingen.

Bescheiden sitzen sie in den mittleren Reihen und lauschen aufmerksam den Reden der Fachleute und Politiker zur Gründung eines Museums, das der Geschichte und Kultur ihrer Familien und Vorfahren gewidmet sein soll. Vier Generationen haben sich aufgemacht zur ehemaligen deutschen Kolonie Helenendorf - heute Göygöl - in Aserbaidschan, um am Festakt zur Vorstellung des Museumskonzeptes teilzunehmen. Jahrelang hatten sie zusammen mit dem Kultur- und Wissenschaftsverein EuroKaukAsia für den Erhalt ihres Erbes gekämpft.

Hier in der ehemaligen lutherischen Pfarrkirche sind die Namen der ersten 135 Einwandererfamilien in einer Dauerausstellung auf einer Gedenktafel festgehalten. Die meisten kamen aus dem heutigen Baden-Württemberg, das sie vor rund 200 Jahren aus wirtschaftlicher Not und aus religiösen Gründen verlassen mussten. Zuerst mit Schiffen donauabwärts, dann weiter mit den „Kolonistenwagen“ fanden die Ortsgründer nur noch Platz im östlichen Südkaukasus - „mitten unter den Tataren“. Mit Fleiß und Ideen brachten sie es freilich zu beachtlichem Wohlstand. Den Anstoß für das Projekt gab der letzte hier lebende Deutschstämmige, Viktor Klein. Er wollte, dass sein Haus ein Museum wird. Klein hatte einen polnischen Vater und war so dem Schicksal der Deutschen entgangen, die 1941 nach Kasachstan deportiert wurden. Vor Ort erkannte man den Wert ganzer erhaltener Straßenzüge mit Häusern der schwäbischen Siedler. Haus und Grundstück gehören der Kommune. Träger des künftigen Museums ist das aserbaidschanische Ministerium für Kultur und Tourismus. In der Region soll der Tourismus entwickelt werden.

Nicht hoch genug einzuschätzen sei die Bereitschaft der Bevölkerung, das Erbe „unserer Deutschen“, wie man sie hier nennt, zu bewahren, sagt Eva-Maria Auch, die das Konzept entwickelte. Sie wünscht sich ein Museum nicht nur für die Vergangenheit, sondern auch für die Gegenwart, zumal die vielen Flüchtlinge aus Berg-Karabach in Göygöl genau wie die deutschen Kolonisten erfahren mussten, was Verlust der Heimat bedeutet.

In diesem Sinne sieht auch Werner Ströbele, der Direktor des Heimatmuseums und Kulturamtsleiter in Reutlingen, Migration als „ein Thema, das die Gegenwart bewegt und auf das Museen reagieren müssen“. Eine Zusammenarbeit mit dem Museum in Helenendorf kann er sich aufgrund der gemeinsamen Thematik gut vorstellen. Aserbaidschanische Museumsfachleute absolvierten bereits ein Praktikum in Reutlingen. Das Museum verbinde Göygöl mit Reutlingen, wo man noch heute oft die Familiennamen der einstigen Siedler finde.

Nachdem die aserbaidschanischen Delegierten und Gouverneur Arif Sejidow ebenso wie die deutsche Botschafterin Heidrun Tempel und die deutsch-südkaukasische Parlamentariergruppe abgereist sind, begeben sich die „Helenendorfer“ auf Spurensuche. Der erste Weg führt auf den Friedhof am Ortsrand. Im hohen Gras liegen verwitterte Grabsteine mit deutschen Inschriften. Mit Hilfe des aserbaidschanischen Archivars Rafik Rzajew ließen sich sogar ziemlich genau die Grabstellen mancher Opfer der Stalin-Ära ausmachen. Fast jede deutsche Familie war davon betroffen.So wie Wilmar Lukas, der mit einem alten Plan aufgeregt durch die Straßen läuft. Bis zur Rente war er Professor in Jekaterinburg, dann zog er wegen der Kinder um nach Deutschland. Er ist zum ersten Mal hier und sucht das Haus seines Großvaters. Drei Jahre war er alt, als dieser 1938 verhaftet wurde. Von seiner Erschießung erfuhr die Familie erst 1965. Das dritte Haus vor der Ecke in der Hummelstraße, das müsste es sein. Das Tor steht offen, im Hof blickt ein Mann aus dem Fenster. Ohne zu zögern, lädt er den Suchenden in sein Haus ein und zeigt dem tief gerührten Mann den alten Küchenschrank, die Betten, die Öfen der früheren deutschen Bewohner.

Das Haus ist wie die anderen deutschen Häuser frisch saniert. Die einstmals unterschiedlich gestrichenen Fassaden mit den kunstvoll geschnitzten Holzveranden wurden alle mit dem gleichen neuen Holz versehen und so zum Bedauern der deutschen Besucher ihrer Individualität beraubt. Dennoch sind die meisten froh, dass die Häuser erhalten werden.

Wenige Tage später führt der Weg in den Ferienort Hadschikent zu den einstigen Landhäusern der reichen Weinbauern. In die kühlen Berghänge gebaut und mit Türmchen, Freitreppen und aufwendigen Schnitzereien reich verziert, liegen sie wie verwunschene Märchenschlösser in den verwilderten Gärten. Etwas Vergleichbares gibt es nirgends sonst in den früheren Siedlungsgebieten der Russland- und Kaukasusdeutschen. Zwar marode, doch rekonstruierbar, sind sie indes zur allgemeinen Bestürzung zum Abriss frei gegeben.

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