Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Ein byzantinisches Universalgenie

Baku, den 24. Februar (AZERTAG). Michael Psellos war einer der maßgeblichen Wissenschaftler von Byzanz, ein wegweisender Universalgelehrter, aber auch ein politischer Strippenzieher. An Selbstbewusstsein mangelte es ihm nicht - trotz einer kleinen Schwäche.

Die Eltern des jungen Konstantinos Psellos zählten im Konstantinopel des 11. Jahrhunderts zur kleinen byzantinischen Mittelschicht. Sein Vater betrieb wohl ein Krämergeschäft und war zufrieden damit, sein Leben „floss leicht und gemächlich dahin wie ein lautloser Ölbach“, notierte der Sohn später. Seine Mutter stammte aus einem eher unbedeutenden Geschlecht. Eine Familie wie viele andere. Dieses kleinbürgerliche Zuhause, wie wir heute sagen würden, war Konstantinos jedoch bald zu eng, zu brav, zu gering. Er, der sich später den Vornamen Michael gab, strebte hoch hinaus, wollte zu denen ganz oben in Staat und Gesellschaft gehören, berühmt und einflussreich sein.

Die nötigen Eigenschaften, um aufzusteigen, besaß er: Er war außergewöhnlich intelligent, fleißig, zielstrebig, daneben ebenso opportunistisch, intrigant und rücksichtslos. An Selbstbewusstsein mangelte es ihm nie; später schrieb er einmal über sich, „dass auch die bedeutendsten Gelehrten mich werden loben müssen“.

Und tatsächlich wurde Michael Psellos - geboren 1017 oder 1018, gestorben wahrscheinlich 1078 - einer der maßgeblichen Gelehrten des byzantinischen Reiches. Ein blendender Rhetoriker, Literat und Historiker, ein kundiger Philosoph und Theologe, interessiert an Medizin wie an den Naturwissenschaften. Daneben diente er mehreren Kaisern als enger Berater, wirkte mit, Herrscher des östlichen Reiches zu inthronisieren und zu stürzen. Er war ein wegweisender Universalgelehrter, aber auch ein politischer Strippenzieher auf höchster Ebene.

Seine Bildung war umfassend. Im Alter zwischen fünf und acht Jahren erhielt Psellos sogenannten Elementarunterricht, er lernte Lesen und Schreiben. Anschließend besuchte er eine weiterführende Lehranstalt; angeblich beherrschte er bereits mit zehn Jahren auswendig Homers rund 16000 Verse umfassendes Troja-Epos, die „Ilias“. Nach einer kurzen Unterbrechung im Alter von 16 studierte er noch rund drei Jahre, darunter Philosophie und Jura.

Wie der junge Psellos konnten in Byzanz deutlich mehr Menschen lesen und schreiben als in den westlichen Staaten des Mittelalters, wo dies bis zum 13. Jahrhundert fast ausschließlich für Kleriker galt. Während etwa in den Gebieten der Franken oder Ottonen kaum ein Kind das Alphabet kannte, kamen viele Heranwachsende mittlerer und gehobener byzantinischer Kreise in den Genuss einer meist dreijährigen Grundausbildung. Danach weiterzulernen, war allerdings nur sehr wenigen Jugendlichen möglich.

Überwiegend Privatlehrer unterrichteten Kinder und Jugendliche - Das Wissen in der byzantinischen Welt war gegliedert nach den Sieben Freien Künsten spätantiker Tradition: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie. Besondere Juristenschulen behandelten zusätzlich Fragen des Rechts. Insgesamt wurden Wissenschaft und Gelehrsamkeit hoch geachtet.

Eine festgeschriebene theologische Ausbildung gab es in Byzanz hin - gegen nicht. Auch waren die eher abgeschotteten byzantinischen Klöster, im Gegensatz zum Westen, keine Zentren der Kultur und der Bildung; Skriptorien, Schreibstuben, existierten dort nur selten.

Den Unterricht für Kinder und Jugendliche hielten überwiegend Privatlehrer, die einen Kreis von Schülern um sich scharten. Universitäten in der Art, wie sie im Spätmittelalter in Westeuropa entstanden, etwa in Bologna oder in Paris, kannte Byzanz nicht. Hochgestellte und reiche Personen, oft der Kaiser selbst, beriefen bekannte Gelehrte, stellten ihnen Räume zur Verfügung und beauftragten sie zu unterrichten. Starb der Kaiser oder der Lehrer, verschwanden die Institutionen meist wieder.

Auch Michael Psellos war während seines Lebens immer wieder als Lehrender tätig. So soll er unter Kaiser Konstantin IX. Monomachos der philosophischen Akademie in Konstantinopel vorgestanden haben, und unter Kaiser Konstantin X. Dukas war er Erzieher des Kronprinzen.

Selbst nach byzantinischen Bildungsmaßstäben war Psellos ein Ausnahme-Intellektueller: Er verfasste theologische Auslegungen und liturgische Dichtungen, notierte Kommentare zu Philosophen wie Platon und Aristoteles, veröffentlichte Abhandlungen zu Rhetorik, Musik, Medizin und juristischen Fragen. Er schrieb eine rund 200 kurze Kapitel umfassende Übersicht über die in seiner Zeit herrschenden philosophischen, theologischen und naturwissenschaftlichen Vorstellungen. „Michael Psellos (war) der bedeutendste Gelehrte, blendendste Rhetor und beste Philosoph des Jahrhunderts“, urteilte Herbert Hunger, der große Byzanz-Experte des 20. Jahrhunderts.

Drohte ein politischer Umbruch, wechselte Psellos schnell die Seiten - Tief verbunden fühlte sich Psellos den Autoren der Antike. Besonders intensiv beschäftigte er sich mit den Schriften des Philosophen Platon (427 bis 347 vor Christus) und dem - in dessen Tradition - entwickelten Neuplatonismus, einer der bedeutendsten Strömungen der griechischen Philosophie. Das brachte Psellos jedoch in Widerstreit zu herrschenden Kreisen der orthodoxen Kirche. Er musste sich gegen den Vorwurf wehren, ein verkappter Heide zu sein, und 1054 ein Glaubensbekenntnis ablegen.

In seiner Verteidigungsschrift an den Patriarchen von Konstantinopel versuchte er geschickt zwischen der heidnischen Antike und dem christlichen Glauben zu vermitteln. „Wenn ich aber auch eindeutig Christus gehöre, werde ich deswegen gelehrte Schriften nicht verleugnen und die Erforschung der Geistes- und Erscheinungswelt nicht aufgeben.“ Die meisten Byzantiner sahen sich in direkter Tradition zur griechischen Antike, der Epoche von 700 bis 150 vor Christus, und betrachteten sich als alleinige Erben dieser Zeit.

Als Psellos' bedeutendstes Werk wird heute seine „Chronographia“ angesehen. Darin behandelt er die byzantinische Geschichte von 976 bis 1078, beschreibt subjektiv und höchst lebendig das Leben am Hof mit all seinen Intrigen unter 14 aufeinanderfolgenden Kaisern und Kaiserinnen. Viele Ereignisse hatte er selbst miterlebt oder war in unmittelbarer Nähe gewesen. „Ich sah mit eigenen Augen und hörte mit eigenen Ohren, wie sie mit dem Reich herumspielten wie Männer beim Würfelspiel.“ So beschrieb er etwa, wie die engsten Freunde von Kaiserin Theodora einen Thronnachfolger zu ihrem eigenen Vorteil suchten.

In dem umfangreichen Werk finden sich aber auch zahlreiche heiter-alltägliche Betrachtungen. „Hübsche Frauen unterstreichen natürlich ihre Schönheit, indem sie schlichte Kleider tragen: Der Schleier, hinter dem sie ihren strahlenden Glanz verbergen, dient nur dazu, ihn noch augenfälliger zu machen.“ Überliefert ist die „Chronographia“ nur noch in einer einzigen Handschrift, die sich heute in der Nationalbibliothek in Paris befindet.

Über das Privatleben des Großdenkers Psellos ist nur wenig bekannt. Einige Stellen in seinen Schriften und vereinzelte andere Quellen lassen immerhin bescheidene Aussagen zu: Psellos war wohl groß, schlank und besaß einen dunklen Teint. Zumindest zeitweise trug er einen Bart, wie eine bildliche Darstellung von ihm in einer Handschrift des Klosters auf dem heiligen Berg Athos zeigt. Er hatte einen Sprachfehler, wahrscheinlich stotterte oder lispelte er - das nämlich bedeutet „Psellos“. Vieles spricht dafür, dass er verheiratet und Vater einer leiblichen und einer adoptierten Tochter war.

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