Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Die geheimen Codes der Wissenschaftler

Baku, den 21. Februar (AZERTAG). Wikinger liebten Geheimcodes. Einige sind schon lange bekannt, andere stellen Runologen immer noch vor Rätsel. Dem Linguisten Jonas Nordby von der Universität Oslo ist es jetzt gelungen, mit dem Jötunvillur Code eine weitere Geheimschrift zu knacken.

Codierte Botschaften müssen nicht immer erhabenen Inhalts sein. Bei weitem nicht jeder Geheimcode verrät ein Schatzversteck oder Ort und Datum eines militärischen Manövers. Die allermeisten Botschaften, die in einer Geheimschrift verfasst werden, sollen vor allem eins: Spaß machen. Wahrscheinlich hat jeder in der Schule seinem besten Freund Zettel zugesteckt, auf denen er ihn in Kalle Blomquists Räubersprache zum „totrorefoffofenon umom einonson“ aufgefordert hat. Oder in der Löffelsprache um ein „treleweffelewen ulewum eileweins“ gebeten? Was würde ein Archäologe der Zukunft mit einem dieser Zettel anfangen?

Vielleicht hätte er ebensoviel Freude an der Entzifferung dieses Kauderwelsch' wie Nordby. Denn auch die Wikinger liebten es, banale Dinge zu codieren. Eine der Geheimschriften, derer sie sich dabei bedienten, ist der Jötunvillur Code. Neun Inschriften in diesem Code sind bekannt: „Sie stehen auf kleinen Holzstückchen oder Knochen, eine ist auch in die Säule einer Stabkirche geritzt“, erzählt Nordby in einer Email an Spiegel Online. „Diese Runenstöcke und -knochen benutzten die Wikinger fürdanke alle möglichen Botschaften und Schreibübungen.“ Alle neun Botschaften stammen aus den Jahren zwischen 1100 und 1300 - also mindestens ein Jahrhundert nach der Blütezeit der Wikinger.

U heisst Úrr, A heisst Àr, T heisst Tyr - Drei der Jötunvillur-Inschriften hat Nordby entziffern können. „Sie stehen auf zwei Runenstöcken, die am alten Kai in Bergen gefunden wurden“, schreibt er. „Auf einem sind die Namen Sigurðr und Lafranz sowohl in Runen als auch in Code notiert, auf dem anderen der Name Þorsteinn.“ Der Code funktioniert wie folgt: Jede Rune hat einen Eigennamen. In Jötunvillur wird nun die Rune durch die letzte Rune ihres Eigennamens ersetzt. „So ist der Eigenname der Rune für F „Fé“, führt Nordby aus. „Aus F wird in Jötunvillur also E. Oder der Eigenname der Rune für U ist Úrr, aus U wird also R.“

Die Sache hat nur einen Haken: Oft enden mehrere Runen auf den selben Buchstaben. U heisst Úrr, A heisst Àr, T heisst Tyr, M heisst Maðr, L heisst Lögr, Y heisst Ýr. R kann also entweder für U, A, T, M, L oder für Y stehen. „Der Jötunvillur Code eignete sich nur zum Schreiben - nicht aber zum Lesen“, bedauert Nordby. Warum dann die ganze Mühe? Nur zum Zeitvertreib in den langen, dunklen skandinavischen Winternächten? „Ich glaube, es war eine Art spielerische Schreibübung, mit der die Namen der Runen und ihre Lautwerte gelernt werden sollten“, vermutet Nordby.

„ráð þat!“: Lies' dies! - Für Nordby, der gerade an seiner Doktorarbeit über Wikingercodes schreibt, ist es nicht das erste Rätsel, das er lösen konnte. Im vergangenen Jahr veröffentlichte er in der Zeitschrift Futhark einen Artikel über eine Reihe von Botschaften, die alle den gleichen Inhalt haben, wenn auch leicht unterschiedlich verschlüsselt. Sie stammen aus den schwedischen Orten Sigtuna und Skara sowie aus dem norwegischen Oslo und Bergen. Auf ersten Blick ergeben die Zeichen keinen Sinn. Zwischen den Runen scheint der Schreiber zusätzlich willkürliche Striche verteilt zu haben.

Unklar bleibt allerdings, ob er nicht wirklich schreiben konnte und einfach nur kritzelte, oder ob Absicht dahinter steckt. Erst bei genauerer Betrachtung und mit viel gutem Willen könnte der geneigte Leser aus den Runen das Wort ráð, den Imperativ des Verbs ráða - lesen - erkennen. Dreht er den Knochen aber um 180 Grad und liest die Runen dann noch einmal aus der anderen Richtung, ergeben die Linien plötzlich Sinn. Auf ráð folgt dann in der Gegenrichtung das Demonstrativpronomen þat - zusammen gelesen „ráð þat!“: Lies' dies!

Sexuelle Vorzüge auf der Höhlenwand - Besonders beliebt waren auch die so genannten „Geheimrunen“, die allerdings schon lange entziffert sind. Im Runenalphabet, dem Futhark, sind die Runen jeweils einer von drei Gruppen oder Familien zugeordnet, in der sie eine feste Position haben. Bei den Geheimrunen werden nun die Runen selber durch ihre jeweilige Position innerhalb der Familie ersetzt. Damit ließ sich gut die Langeweile vertreiben.

Als eine Gruppe skandinavischer Kreuzfahrer - möglicherweise während eines bösen Schneesturms - auf den Orkneyinseln Schutz in einem jungsteinzeitlichen Grabhügel suchte, bekritzelten sie eifrig die Wände - es gab' ja sonst nichts zu tun, bis das Wetter wieder besser wurde. Einige priesen in ihren Graffiti ihre sexuellen Vorzüge oder die Schönheit gewisser Frauen. Die weniger phantasievollen begnügten sich mit Aussagen wie „Haermund Hartaxt ritzte diese Runen“. Und ein ganz schlauer Kopf bediente sich der Geheimrunen, um seine Botschaft der Nachwelt zu hinterlassen: „Diese Runen wurden geschrieben vom runenkundigsten Mann westlich der See.“

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